Lasst die Spiele der Gesellschaftskritk beginnen!

Vom Überraschungshit „Squid Game“ – und warum es gar nicht mal so eine gute Gesellschaftskritik ist

Vom Überraschungshit „Squid Game“ – und warum es gar nicht mal so eine gute Gesellschaftskritik ist

Hunderte Menschen, geplagt von Schuld, Armut und moralisch fragwürdigen Regelbiegungen, werden entsandt, um in brutalen, schwierigen Spielen teils mit Todesfolge um ein besseres Leben zu kämpfen. Für viele klingt das erstmal nach Netflix‘ neuem Überraschungshit, Squid Game, ist tatsächlich jedoch eine kurze Beschreibung der Serie 3%, die ebenfalls von Netflix produziert wurde, und letztes Jahr in der vierten Staffel ein Ende fand. Aber warum sage ich das überhaupt? Geht es hier etwa doch nicht um Squid Game, sondern um etwas ganz anderes?

Doch, es geht um Squid Game – Aber eben auch um 3%, und warum ich 3% um etliche Längen besser finde. Denn Squid Game, was vielfach als revolutionär gesellschaftskritisch angepriesen wurde, ist eigentlich gar nicht mal so gesellschaftskritisch. Am Ende kritisiert es eben nicht die Gesellschaft per se, sondern die abgeschottete Gesellschaft der Reichen und Schönen. Es kritisiert, mit welcher Banalität die Superreichen Armut behandeln – Es kritisiert aber nicht das System, dass die Reichen und Armen überhaupt erst hervorbringt, die Diskrepanz selbst bleibt gar nicht kritisiert, aber eben genauso wenig gerechtfertigt. Es gibt keinen Grund warum das System ist, wie es ist – also gibt es auch keinen Grund, das ganze tiefer greifend zu kritisieren.

Die Kritik in Squid Game liegt nicht systematisch vor, sondern individualistisch. Aber ich kann keinen Superreichen dafür verurteilen, ein ausnutzbares System auszunutzen. Es muss am Macher des Systems liegen, das System fair zu machen – Geschieht dies nicht, wird es aus der Natur des Menschen heraus immer einen Ausnutzer geben. Dafür kann im größeren Sinne der Ausnutzer beherzt wenig, denn wäre er es nicht, wäre es ein anderer. Dazu ist der Mensch im gesamten individuell zu geizig. Aber das ist eben der Faktor, den Squid Game in seinen 9 Folgen kaum behandelt.

Ich hatte zugegebenermaßen auch meine Probleme mit der Serie in ihrer Kinematographie, in ihrer filmischen Umsetzung, weil viel zu viele Wendungen entweder kaum den Plot gefördert haben oder zu offensichtlich waren, und die Charaktere viel zu sanft angefasst worden sind – aber dennoch ist es eine äußerst unterhaltsame Serie, die ich gerne geschaut habe. Doch in den sozialen Medien und den Kritiken größer Zeitschriften wird auch immer wieder die vermeintlich tiefgreifende Gesellschaftskritik aufgefasst – Und das stört mich, denn – und ich hasse es derjenige zu sein, aber – so tiefgreifend ist Squid Game ja eben nicht.

Und das wird im Vergleich zu 3% allzu offensichtlich. Squid Game verwendet viel Zeit darauf die Hauptcharaktere, die vermeintlichen Opfer, in Szene zu setzen und zu charakterisieren, also die, die unter dem vermeintlich kritisierten System leiden, nicht aber das System selbst, oder diejenigen, die das System umsetzen. Zwar wird der zwanghafte Gerechtigkeitsdrang zu einem Zeitpunkt mehr als klar dargestellt, an anderen Stellen aber nicht neu aufgegriffen, und bis zum Ende hin auch nicht erklärt, oder auch nur annähernd angedeutet, woher das kommt.  Im Vergleich dazu sind in 3% auch die Menschen hinter dem System ein echter Charakter. Sie haben ein Gewissen, weil sie Menschen anstatt Masken sind. Sie haben Ideologien, Beweggründe, und Emotionen. Sie sind eben keine Menschen mit Masken die unter monotonen Stimmen nur Weisungen durchreichen. Das System erhält durch die Systemiker ein Profil, eine Persönlichkeit, die erst tatsächliches Konfliktpotenzial in der Denkweise des Konsumenten ergibt. Und dort hadert Squid Game.

Squid Game versucht keine Sympathie, und nur geringfügig Verständnis für das System herzugeben. Denn dies steht nie in der vordergründigen Kritik. Insbesondere gegen Ende der ersten Staffel driftet die kritische Nachricht im Fokus vollkommen weg vom System, was alles verursacht, und stattdessen zu den Nutznießern des Systems, die anstatt nur eben jenes zu sein, plötzlich die tatsächlichen Bösen sind. Diese werden wiederum zu einseitig dargestellt, um eine Reflektion einer systemisch-gesellschaftlichen Kritik zu sein, und die wenigen Momente, in denen sich das ändert, sind eben nicht der Aufbau, sondern sind alleinstehend. Es gibt keinen Moment, an dem der vermeintliche Böse selbst an seinem System zweifelt, und nur wenige nachhaltige Momente, in dem die vermeintlich Guten sich ihren Hass für das System nochmal überlegen. Um es zusammenzufassen: Die Nutznießer des bösen Systems sind böse.

Aktiv – Denn der Fokus liegt ja eben nicht auf dem System, sondern auf dem Individuum, dass aus dem System gewinnt, aber am ende nur ein weiteres Gesicht ist. Das zeigt die Serie sogar selbst außerhalb des Vergleichs, denn eben jene Bösen haben ja keine Gesichter. Sie sind austauschbar, sie sind eben keine Individuen die kritisch charakterisiert werden, um Gesellschaftskritik zu tragen, sondern um die Kritisierten zu sein.

Und eine Kritik an einem austauschbaren Individuum ist zwar mehr Gesellschaftskritik, die wir aus den meisten populären Produktionen kennen, aber dennoch so gut wie nichtig. Die Kritik am beliebigen Menschen ist wie eine Kritik an gar niemanden. Die, die kritisiert werden, sind davon ganz und gar unberührt, und weil diese eben auch austauschbar, ist es keine substanzielle Kritik. Sie führt nicht zu einem dauerhaften Umdenken, denn Böser Superreicher #1 wird einfach von Böser Superreicher #2 ersetzt. Es ist eben diese Substanzlosigkeit in der eigentlichen Kritik, die im Vergleich wiederum bei 3% besser als bei Squid Game austritt – Denn genauso wie dass der Charaktere, wird auch das Moralverständnis des Zuschauers gedehnt, und genauso wie die vermeintlich Guten, werden auch die vermeintlich Bösen charakterisiert. Und genauso wie die vermeintlich Bösen, machen auch die vermeintlichen Guten moralisch schlechte Dinge – Alles nimmt seinen Ursprung dabei im System, und alles was den Charakteren an Gutem wie Bösen passiert entsteht eben aus dem System, oder der Resistenz, dem Kampf gegen das System. Alles was passiert, und genauso jeder Charakter im Einzelnen wie im Gruppendynamischen, ist eine kritische Auseinandersetzung mit dem System.

Und das fehlt Squid Game eben. Die Substanz der Kritik fehlt, das, was eben eine tatsächliche, eine neue Überlegung gebärt und aufzieht. Es fehlt Squid Game nicht an inszenatorischer Stärke, an Bildgewalt, oder an emotionaler Substanz – Wohl aber reichlich an der gesellschaftskritischen Substanz, die mir versprochen wurde. Leider. Und das macht mir leider keine Bildgewalt, keine Inszenierung, und keine emotionale Substanz wieder wett.

Autor: Erik Gutzmann

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